Deaf Gain: Erhöhung der Einsätze für die menschliche Vielfalt

Ein Bericht von Pia Tempfer

 

„Deaf Gain“ ist ein sprachliterarisches Buch, das im Jahre 2014 erstveröffentlicht wurde, geschrieben von den zwei amerikanischen gehörlosen Autoren Ph.D Joseph Murray und H.-Dirksen L. Bauman. Es geht darin um Gehörlosigkeit als eine bestimmte Art, in der Welt zu sein – eine Art, die Wahrnehmungen, Perspektiven und Einsichten eröffnet, die für die Mehrheit der Hörenden weniger üblich sind.

 

Anlässlich des 15-jährigen Jubiläums seines Bestehens hat der Verein Österreichischer Gehörloser Studierender (VÖGS) am 26. Mai Ph.D Joseph Murray aus Amerika nach Wien eingeladen, um an der Universität Wien einen Vortrag über sein Buch „Deaf Gain“ zu halten.

 

Murray gab eine kurze Zusammenfassung seines Buches, in dem auch die Biographie des Co-Autors Bauman erwähnt wird. Murray wurde von ihm zu der Erkenntnis inspiriert, dass das Gehörlosendasein durchaus auch Vorteile hat.

Zu „Deaf Gain“ zählen drei wichtige Begriffe: „Cognitive Gain“, „Visual Gain“ und „Sensory Gain“.

 

Es wurden ein paar Beispiele aus der Philosophie erzählt. Früher waren alle Menschen, auch Behinderte, auf alle Arten gleichberechtigt bzw. normal, bis die Philosophen mit den Statistiken vom Positiven und Negativen begannen. Man hat zum Beispiel die Babys gemessen, damit sie sich der Normalität anpassen können und alle Menschen gleich sind. Andererseits zeigt ein Blick in den Stall: Wenn ein Huhn krank wird, steckt es auch andere Hühner an. Insofern ist es besser, wenn es viele unterschiedliche Arten von Hühnern gibt, denn dann haben sie unterschiedliche Gene und können Viren besser abweisen.

 

Dazu passt der alte Spruch: „Niemand außer Gott ist perfekt!“

 

Einmal hat Murray seinen Vortrag in Norwegen gehalten und das neugierige Publikum zu Fragen aufgefordert. Ein Teilnehmer stellte schließlich die verblüffende Frage: „Können gehörlose Menschen atmen?“ Das wurde anschließend in der norwegischen Presse veröffentlicht. In Wien stellt er uns dieselbe Frage, auf die wir eine Antwort finden sollen. Jeder, der wollte, konnte auf die Bühne gehen und ihm eine Antwort geben. Darunter waren zum Beispiel „Warum bin ich hier?“ und „Probier mal du nicht zu hören – siehst du, ob du noch atmest?“.

 

Der Ursprung des Deaf Gains führt zurück in die Steinzeit. Menschen, die noch nicht ihre Sprache entwickelt haben, haben viele Gesten und Körpersprache benutzt, um miteinander zu kommunizieren zu können. Joseph Murray führt uns für ein Beispiel zurück ins 15. Jahrhundert, als ein englisches Schiff zum ersten Mal an Amerikas Ufern ankerte und seine Besatzung die dortigen Einwohner kennenlernte. Anfangs war die Kommunikation ziemlich schwierig, weil sie keine gemeinsame Sprache hatten. Deswegen ist das Gebärden die beste Lösung des Kommunikationsproblems, weil es einfacher zu verstehen ist.

Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Oralismus verbreitet und die Gehörlosen mussten sich den Hörenden anpassen. Somit wurde die Gebärdensprache als „peinlich“ bezeichnet und unterdrückt. Noch ein Beispiel: Murray zeigte uns Bilder von drei Lehrern im Unterricht, die nicht, wenig oder viel gebärden. Der nicht gebärdensprachkompetente Lehrer wird zu 20% von den Studierenden verstanden. Dem wenig gebärdensprachkompetenten Lehrer sowie dem voll gebärdensprachkompetenten Lehrer können hingegen 80% der Studierenden folgen. Das weist darauf hin, dass die Gebärdensprache sowohl bei Gehörlosen als auch bei Hörenden im Unterricht notwendig ist. Gebärdensprache erleichtert den Studierenden das Verstehen des Unterrichtsstoffes. Das und noch vieles mehr haben wir von Murray erfahren und wir bedanken uns, dass wir an seinem Vortrag teilhaben durften!