FAQ 1 - Allgemeines zur Gebärdensprache

Wie viele gehörlose Menschen gibt es?

ExpertInnen weltweit nehmen an, dass eine von 1.000 Personen gehörlos ist. Umgerechnet auf Österreich bedeutet das, dass rund 8.000 - 10.000 Menschen gehörlos sind. Hinzu kommen österreichweit weitere rund 500.000 schwerhörige oder spätertaubte Menschen.

Gebärdensprache

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist die Muttersprache der knapp 10.000 gehörlosen Menschen in Österreich. Die ÖGS ist eine eigenständige, linguistisch vollwertige und natürliche Sprache. ÖGS hat eine eigene Grammatik und Syntax, die anders ist als die Grammatik der Deutschen Lautsprache.

Die Gebärdensprachen sind nicht auf der ganzen Welt einheitlich, es gibt nationale Varianten, die sich zum Teil sehr stark unterscheiden. Gebärdensprachen weisen wie alle natürlichen Sprachen Dialekte und Soziolekte auf. Gebärdensprachen wurden nicht von jemandem erfunden, sondern sind so wie die Lautsprachen auf natürliche Weise entstanden, überall dort, wo es Gehörlosengemeinschaften gab und gibt.

Die Gebärdensprachen sind – anders als die auditiv-verbalen Lautsprachen – ein Kommunikationssystem, das auf dem manuell-visuellen Kanal basiert und daher Hände und Augen als Kanäle für den Informationsaustausch beansprucht. ÖGS hat aber nichts mit Pantomime zu tun oder mit Non-verbaler-Kommunikation. Mit Gebärdensprachen kann man Gedichte genauso wie abstrakte Sachverhalte darstellen. Kinder, die mit Gebärdensprache aufwachsen, durchlaufen im Spracherwerb die gleichen Entwicklungsstadien wie Kinder, die mit einer gesprochenen Sprache aufwachsen.

In Österreich ist die ÖGS seit 2005 als Sprache anerkannt und wurde mit folgender Formulierung in die österreichische Bundesverfassung aufgenommen: „Art.8 Abs. (3) Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. Das Nähere bestimmen die Gesetze.“ (BGBl.I Nr. 81/2005)

Für internationale Verständigungen verwenden gehörlose Menschen oftmals ASL (American Sign Language) oder International Sign, das speziell auf internationalen Kongressen gebärdet wird. International einheitlich ist hingegen das Finger-Alphabet, mit dem Namen oder Fremdwörter buchstabiert werden können.

Warum sind Gebärdensprachen für gehörlose Menschen wichtig?

Für die meisten österreichischen Gehörlosen ist ein barrierefreier Zugang zu Informationen und Wissen nur durch ÖGS (und andere Gebärdensprachen) möglich. Gebärdete Informationen können leicht und direkt wahrgenommen und verstanden werden. Mit ÖGS können gehörlose Menschen zufriedenstellende Kommunikation erleben, die emotionale, soziale und informative Zwecke gleichermaßen erfüllt. Die Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft bezeichnen sich als Sprachminderheit. ÖGS ist die Sprache, die sie vereint und die eng mit ihrer Kultur verbunden ist.

Wie können hörende und gehörlose Menschen kommunizieren?

Gehörlose Menschen können versuchen von den Lippen ihres sprechenden Gegenübers „abzulesen“. Allerdings: Wenn jemand spricht, dann sind nur ein Drittel der Laute vorne an den Lippen sichtbar. So ist z. B. beim Wort „Computer“ nur O-M-U-E sichtbar. Von den Lauten, die jemand spricht, sind nur wenige für den gehörlosen Menschen überhaupt wahrnehmbar und viele andere Laute ähneln sich bei der Bildung sehr, so sieht z. B. das Wort „Mutter“ beim Ablesen von den Lippen genauso wie „Butter“ aus. Beim Lippenlesen können daher – auch bei sehr geübten Menschen – wichtige Informationen verloren gehen. Weiters ist es möglich auf schriftsprachliche Kommunikation auszuweichen. Aufgrund der derzeitigen Bildungslage haben viele gehörlose Menschen jedoch Probleme beim Verstehen von Schriftsprachtexten.

Wo kann man Gebärdensprache lernen?

In Wien werden bei den folgenden Stellen Kurse angeboten:

In manchen Bundesländern werden von diversen Stellen ebenfalls Kurse angeboten, die Landesverbände der Gehörlosenvereine geben hierzu gerne nähere Auskünfte.

Wann kommt eine GebärdensprachdolmetscherIn zum Einsatz?

DolmetscherInnen vermitteln zwischen zwei Sprachen, wenn zwei Personen oder Gruppen nicht dieselbe Sprache sprechen. ÖGS-DolmetscherInnen kommen dann zum Einsatz, wenn gehörlose und hörende Personen miteinander kommunizieren wollen, jedoch nicht alle ÖGS beherrschen, z. B. bei offiziellen Gesprächen, Besprechungen (am Arbeitsplatz, Elternabend, bei Beratungen, Gericht, Tagungen) usw.

Wie viele DolmetscherInnen brauche ich?

Ob für eine Situation ein/e oder mehrere ÖGS-DolmetscherInnen gebraucht werden, ist abhängig vom inhaltlichen Schwierigkeitsgrad und der Dichte an Informationen. Ein/e GebärdensprachdolmetscherIn dolmetscht simultan, und das erfordert hohe Konzentration. In der Regel kann bei Einsätzen ab zwei Stunden im Team gearbeitet werden. Damit die DolmetscherInnen in der Vorplanung eines Auftrags entscheiden können, wie viele KollegInnen für den Einsatz notwendig sind, bedarf es genauer Angaben über die Art und den Ablauf der jeweiligen Veranstaltung.

Wie buche ich eine/n ÖGS-DolmetscherIn?

Das ServiceCenter ÖGS.barrierefrei (www.oegsbarrierefrei.at) stellt Informationen über die ÖGS-DolmetscherInnenzentren österreichweit zur Verfügung und bietet Unterstützung bei der Organisation von ÖGS-DolmetscherInnen.

Wo finde ich Informationen zum Beruf ÖGS-DolmetscherIn?

Informationen und Beratung über die Ausbildung zur/m ÖGS-DolmetscherIn bietet der ÖGLB (Österreichischer Gehörlosenbund: www.oeglb.at) oder GESDO (www.gesdo.at), die Fachausbildung für GebärdensprachdolmetscherInnen in Linz. An der Universität Graz wird ein ÖGS-Dolmetschstudium angeboten (www.gewi.unigraz.at/uedo/signhome/index.html).

Die Gehörlosengemeinschaft

Die Gehörlosengemeinschaft definiert sich nicht über ein Defizit, sondern über die gemeinsame Sprache und Kultur. In fast allen größeren Städten gibt es Gehörlosenvereine mit regem sozialem Leben. Es wird Theater gespielt oder gemeinsam Sport getrieben, in Clubs finden Kinder und Jugendliche Anschluss und können ihre eigene Identität in einem geschützten Rahmen entdecken und festigen. Die Zugehörigkeit zu einer sprachlich-kulturellen Minderheit stellt ein zentrales Element unserer Identität dar.

Eindrucksvoll zeigt die Gebärdensprachpoesie die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten und die immense Kreativität gehörloser Menschen. Die Gehörlosenkultur zeichnet sich aber auch durch eine bestimmte Art aus, die Welt zu sehen und miteinander umzugehen. Dazugehört, wer Gebärdensprache spricht und sich als gehörlos empfindet. Das individuelle Resthörvermögen spielt dabei keine Rolle.

Auch hörende Menschen fühlen sich der Gemeinschaft verbunden, wenn sie eine Gebärdensprache beherrschen. Besondere Stellung haben die Kinder gehörloser Elter, die als CODA (Children of Deaf Adults) bezeichnet werden: Sie sind in zwei Welten zuhause und sprechen zwei Muttersprachen. Meistens sind das die Gebärdensprache ihrer Eltern sowie die Lautsprache ihres Heimatlandes. Viele ÖGS-DolmetscherInnen sind CODA.

Können Gebärdensprachen natürlich erworben werden?

Spracherwerb bedeutet, eine Sprache natürlich, unbewusst und ohne Anstrengung zu erlernen – dieser Prozess beginnt ganz von selbst in den ersten Lebensjahren eines hörenden Kindes über die akustische Wahrnehmung der Lautsprache. Gehörlose Kinder in Österreich können Deutsch nicht auf diese Weise automatisch über das Hören erlernen. Sie können jedoch Gebärdensprachen natürlich und automatisch über das Auge erwerben, genauso wie hörende Kinder Lautsprachen über das Ohr. Die deutsche Sprache muss hingegen zu einem späteren Zeitpunkt gezielt, gesteuert und bewusst erlernt werden und ist für gehörlose Menschen eine Fremdsprache bzw. Zweitsprache.

Wie funktioniert die Anwendung HyperSign? Welche Zielgruppen kann ich damit erreichen?

Mit HyperSign bietet das ServiceCenter ÖGS.barrierefei eine weltweite Neuheit, die Homepages mit Gebärdenspracheinblendungen versieht. HyperSign verbindet Text, Sprechstimme und Gebärdensprache miteinander. Ein Farbbalken im Text zeigt an, welche Stelle gerade gebärdet wird. Die Software ermöglicht jederzeit zwischen Text und Gebärdenvideo zu wählen, zudem kann die Stimme zu- oder abgeschaltet werden. Damit können Websites umfassend barrierefrei gestaltet werden. Also nicht nur für gehörlose, sondern auch für schwerhörige und spätertaubte Menschen, blinde und sehbeeinträchtigte Personen, Menschen mit Leseschwäche sowie für alle jene, für die Deutsch eine Fremdsprache ist.