FAQ 3 - barrierefreie Schule

Spracherwerb und Unterricht

Spracherwerb bedeutet, eine Sprache natürlich, unbewusst und ohne Anstrengung zu erlernen – dieser Prozess beginnt ganz von selbst in den ersten Lebensjahren eines hörenden Kindes über die akustische Wahrnehmung der Lautsprache. Gehörlose Kinder in Österreich können Deutsch nicht auf diese Weise über das Hören erlernen. Sie können jedoch Gebärdensprachen natürlich und automatisch über das Auge erwerben, genauso wie hörende Kinder Lautsprachen über das Ohr. Die deutsche Sprache muss hingegen zu einem späteren Zeitpunkt gezielt, gesteuert und bewusst erlernt werden und ist für gehörlose Menschen eine Fremd- bzw. Zweitsprache.


Die meisten gehörlosen Kinder in Österreich besuchen eine Gehörlosenschule. In diesen wird nach wie vor die Lautsprache als Unterrichtssprache (auch „orale Methode“ genannt) verwendet. Das vorrangige Unterrichtsziel ist das Erlernen der gesprochenen Sprache; die Verwendung der Gebärdensprache im Unterricht ist nicht üblich. Die Kinder sollen nach Beendigung der Schule in der Lage sein, sich lautsprachlich zu verständigen. Die Vermittlung von Inhalten bzw. Wissen rückt in den Hintergrund. Dies kann die Bildungssituation beeinträchtigen: Nach Abschluss der Pflichtschule können die meisten gehörlosen Kinder keine entsprechende Schriftsprachkompetenz aufweisen. Die Leistungen hinken denen von gleichaltrigen hörenden Kindern hinterher. Der geringe Wortschatz wirkt sich auf die Textproduktion und auf das Leseverständnis aus. Viele gehörlose Menschen haben nur einen mangelhaften Schulabschluss und in der Folge sind ihre Berufschancen schlecht. Der Großteil schließt eine Lehre ab,  ein höherer Schulabschluss (z.B. Matura oder Universität) ist selten.

Der ÖGLB setzt sich für Verwirklichung konkreter und einklagbarer Sprachenrechte ein, wie zum Beispiel das Recht auf Bildung in der Muttersprache und barrierefreies Lernen. Zweisprachige Erziehung in ÖGS und Deutsch von Anfang an wird den Bedürfnissen gehörloser und schwerhöriger Kinder am besten gerecht.

Das bedeutet: Die Österreichische Gebärdensprache muss gleichrangig mit Deutsch Unterrichtssprache werden. Noch ist das in Österreich die große Ausnahme und keinesfalls die Regel. Außerdem sollen gehörlose Kinder in einem eigenen Fach ÖGS die höchstmögliche Kompetenz in ihrer Muttersprache erwerben, wie Kinder mit deutscher Muttersprache auch.

Für funktionierende, barrierefreie Kommunikation und volle gesellschaftliche Teilhabe braucht es außerdem eine ausreichende Zahl qualifizierter ÖGS-DolmetscherInnen und den Rechtsanspruch auf volle Kostenübernahme in allen Lebenslagen durch den Staat.

Warum ist es wichtig für Kinder in Gebärdensprache unterrichtet zu werden?

Gebärdensprache ist die Muttersprache gehörloser Kinder. Deshalb ist es der einzige Weg um Ihnen Wissensinhalte vollständig zu vermitteln. Unterricht in Deutsch ist wie Unterricht in einer Fremdsprache, deshalb führt es meist zu einer schlechteren schulischen Leistung und einer dauerhaften Schlechterstellung im Arbeitsleben. Um hier Abhilfe zu schaffen, forder der ÖGLB schon seit langem die Anerkennung der ÖGS als Muttersprache gehörloser Kinder um auch den Unterricht in Gebärdensprache zu ermöglichen und den Anspruch darauf gestzlich zu verankern.  Es bedarf einer umfassenden Reform des österreichischen Schulsystems um die Barrierefreiheit zu verankern, hierzu kann jedoch auf Vorbilder aus Skandinavien zurück gegriffen werden, wo bereits barrierefreier Unterricht stattfindet.
Die Verwendung der Gebärdensprache als Unterrichtssprache bringt jedoch nicht nur für gehörlose Kinder Vorteile sondern erleichtert auch hörenden Kindern den Bezug zur Schriftsprache. Außerdem erlernen die Kinder spielerisch eine weitere Sprache und ziehen somit einen doppelten Vorteil.