3.8. Bauen

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3.8.1. Ausgangslage

Für Menschen mit Behinderungen ist die Zugänglichkeit der baulichen Umwelt eine wesentliche Voraussetzung für ihre gesellschaftliche Teilhabe in allen Lebensbereichen. Die Begriffe „Zugänglichkeit“ – „Barrierefreiheit“ – „Design for all“ stehen daher im Mittelpunkt behindertenpolitischer Forderungen.

Der Grad der Zugänglichkeit ist wesentlich von den baurechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Das Baurecht fällt in Österreich in die Kompetenz der Länder, weshalb es in jedem Bundesland unterschiedliche baurechtliche Bestimmungen gibt. Eine geplante Harmonisierung bautechnischer Vorschriften ist trotz langjähriger Bemühungen nicht zustande gekommen.

Eine wesentliche inhaltliche Vereinheitlichung erfolgt allerdings durch die ÖNORMEN betreffend barrierefreies Bauen. Die Normen stellen Empfehlungen dar, ihre Inhalte wurden aber zum Großteil in die Bauordnungen der einzelnen Bundesländer aufgenommen und sind somit verpflichtend. Teilweise ist die Gewährung von Förderungen sogar an die Berücksichtigung der entsprechenden Normen gebunden.

Grundlage für das barrierefreie Bauen ist die ÖNORM B 1600 „Barrierefreies Bauen“. Die darin beschriebenen Planungsgrundsätze stellen Mindestanforderungen dar und umfassen jene baulichen Maßnahmen, die notwendig sind, um die unterschiedlichen physischen Möglichkeiten aller Menschen in der gebauten Umwelt besser berücksichtigen zu können.

Aufbauend auf den Planungsgrundlagen der ÖNORM B 1600 „Barrierefreies Bauen“ wird die ÖNORM B 1610 erarbeitet. Sie soll Anforderungen zur Beurteilung der Barrierefreiheit für bestehende Gebäude und Anlagen beinhalten. Damit wird die Möglichkeit einer freiwilligen Zertifizierung der Barrierefreiheit von Gebäuden im Allgemeinen geschaffen.

Gemäß den Vergabevorschriften haben Ausschreibungsunterlagen auf die einschlägigen Vorschriften betreffend das barrierefreie Bauen Bezug zu nehmen. Das Bundesvergabegesetz verfolgt damit vereinfacht gesagt das Ziel, die barrierefreie Ausgestaltung von Bauwerken zu gewährleisten.

Im Wohnungsbereich ist Barrierefreiheit eine wesentliche Grundvoraussetzung für selbstbestimmtes Leben. Gerade im Hinblick auf den steigenden Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft ist barrierefreier (oder zumindest anpassbarer) Wohnungsbau unbedingt anzustreben. Der Verbleib in der eigenen Wohnung auch bei Pflegebedürftigkeit sollte jedenfalls möglich sein.

Eine essenzielle Voraussetzung für barrierefreies Bauen und Wohnen ist die Sicherung eines Qualitätsstandards in den entsprechenden Ausbildungen. Die Entschließung des Europarates ResAP (2001)1 über das Universelle Design fordert daher die Einführung der Grundsätze des Universellen Designs in die Lehrpläne für sämtliche Berufe im Bauwesen, einschließlich der Bereiche Architektur und Stadtplanung sowie in allen anderen Berufen und Tätigkeiten, die mit dem baulichen Umfeld zu tun haben oder es gestalten.

Nicht vergessen werden darf, dass die Gestaltung einer barrierefreien Umwelt und der Abbau bestehender Barrieren durch entsprechende bauliche, organisatorische und sonstige Maßnahmen auch der Wirtschaft, insbesondere den KMUs, entsprechende Chancen eröffnen. Barrierefreies Bauen wäre grundsätzlich dazu geeignet, zu einem Investitionsschub für innovative Unternehmen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen beizutragen. Groben Schätzungen zufolge (IHS-Wirtschaftsforscher) würden z.B. im Baubereich bei einer Investitionssumme von 100 Mio. € bis zu 1.400 Arbeitsplätze ge-schaffen (Beschäftigte bis Bauende).

Der Beirat für Baukultur, in dem alle Bundesministerien, die Länder und die einschlägigen Berufsgruppen vertreten sind, beschloss im Juni 2011 eine Empfehlung „Barrierefreies Bauen – Design for all“.